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Diagnostik und Therapie von vernarbendem Haarausfall
20. Juli 2020 - Björn Meyer, Webmaster

Vom 7. bis 11. Juli 2020 fand der größte deutschsprachige Kongress Für Hautärztinnen und Hautärzte, die 27. Fortbildungswoche für praktische Dermatologie und Venerologie, erstmals nicht in München sondern als digitale Version am heimischen Computer statt. Wie jedes Jahr war auch das Thema Haarausfall mit von der Partie. In dem Online Kurs „Praktisches Krankheitsmanagement: neues aus der Trichologie“, moderiert von Prof. Hans Wolff aus München und Dr. Uwe Schwichtenberg aus Bremen, berichtete zunächst Prof. Adrian Tanew aus Wien über die Diagnostik und Therapie von vernarbendem Haarausfall.

Vernarbender Haarausfall entsteht, wenn die epithelialen Stammzellen der Wulst Region der äußeren Haarwurzelscheide durch eine Entzündung oder andere Faktoren geschädigt werden. Vereinfacht gesagt: wird eine bestimmte, für das Haarwachstum sehr wichtige Region des Haares in der Kopfhaut geschädigt, kommt es zu einer Vernarbung und einem Absterben der Haarfollikel in diesem Bereich. Sobald diese Vernarbung stattgefunden hat, richten sich alle therapeutischen Bemühungen darum, das Fortschreiten des Prozesses zu verhindern. Verschiedene Arten von Kopfhauterkrankungen können zu einem vernarbenden Haarausfall führen, von denen Prof. Tanew in seinem Vortrag die häufigsten vorstellte. 

Allgemein sei zu beachten, so Prof. Tanew, dass die Ausdehnung der betroffenen Flächen auf der Kopfhaut oft größer seien, als auf den ersten Blick ersichtlich. Bei der Untersuchung müssten auch die Haut und die Behaarung des restlichen Körpers inklusive der Schleimhäute und der Nägel inspiziert werden. Der genaue Beginn der Erkrankung könne oft nicht bestimmt werden, da der Erkrankungsverlauf in der Regel schleichend verliefe und anfangs vielfach unbemerkt bliebe. Nicht selten sei zusätzlich zum vernarbenden Haarausfall noch eine androgenetische Alopezie (AGA, anlagebedingter Haarausfall) vorhanden. 

In der Diagnostik könne mit dem sogenannten Pulltest, also dem vorsichtigen Auszupfen einiger Haare im Untersuchungsbereich, ein Rückschluss auf die Krankheitsaktivität gezogen werden, so Prof. Tanew. Zudem müsse bei vernarbendem Haarausfall eine Hautprobe zur mikroskopischen Untersuchung aus der Kopfhaut entnommen werden. Bei der Entnahme muss darauf geachtet werden, dass das Hautstück parallel zum Verlauf der Haarschäfte herausgestanzt wird. Je nach Art des Haarausfall müsse gegebenenfalls eine Blutabnahme erfolgen oder eine Bakterienkultur angelegt werden. Insgesamt sei noch zu wenig bekannt über die Ursachen und die Verläufe der einzelnen Formen des vernarbenden Haarausfalls, von denen Prof. Tanew anschließend die häufigsten Arten vorstellte.

Bei der Frontal fibrosierenden Alopezie (FFA) vom Typ Kossard komme es an der Stirn zu einem über die gesamte Breite zurückweichenden Haaransatz, oft begleitet von einem Verlust der Brauen. Am Rande der Vernarbung stünden häufig einzelne Haare ("lonely hairs“), und im Gesicht seien mitunter rötliche pickelartige Hautveränderungen zu beobachten, fuhr Prof. Tanew fort. Die Häufigkeit der FFA habe in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Entstehung der Erkrankung sei ungeklärt, es handele sich hierbei warscheinlich um eine Variante des Lichen planopilaris (siehe unten). Als (Mit-) Auslöser werden Pflegeprodukte, Haarkosmetika, Sonnenschutzmittel, Kontaktallergien, hormonelle Störungen (zB Schilddrüse) oder Ernährungsfaktoren vermutet. Betroffen sind vor allem postmenopausale Frauen, aber auch Männer können eine FFA entwickeln. Oft bestehe gleichzeitig eine androgenetische Alopezie (AGA) vom weiblichen Typ. Gelegentlich komme es auch zum nicht entzündlichen Verlust von Körperhaaren. Einer aktuellen Studie zufolge hätten 22% der Patientinnen und Patienten mit FFA eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse. In der Therapie kämen häufig äußerliche Kortisonpräparate zum Einsatz. Aufgrund der vielfach zusätzlich vorhandenen androgenetischen Alopezie wäre auch Minoxidil eine Option, betonte Prof. Tanew. Prof. Wolf aus München ergänzte, dass er bereits erfolgreich einige postmenopausale Frauen mit Finasterid behandelt habe, die Erkrankung nach Absetzen des Präparates aber fortschreite. 

Die 2. von Prof. Tanew vorgestellte Erkrankung war der Lichen Planopilaris (LPP). Hier können sich an verschiedenen Stellen der Kopfhaut lichte bzw kahle Herde entwickeln. In über 70% sind Frauen betroffen, meist um das 50. Lebensjahr herum. Selten können auch Kinder betroffen sein. Dies ist wichtig zu wissen, weil man im Kindesalter zunächst auf das Vorliegen eines kreisrunden Haarausfalls tippen würde. Hilfreich in der Diagnostik des LPP ist wie auch bei den anderen Formen des vernarbenden Haarausfalls die sogenannte Trichoskopie, also die Untersuchung der Kopfhaut und der Haarfollikel mit einem speziellen Mikroskop. Der LPP sei, so Prof. Tanew, oft mit Juckreiz, Missempfindungen oder Spannungsgefühl an der Kopfhaut verbunden. Ein Verlust von Körperhaaren sei in 10-40% der Fälle zu beobachten. Zur Behandlung des LPP kämen individuell Kortisonpräparate, Hydroxychloroquin, Methotrexat (MTX), Ciclosporin, Isotretinion oder 5 alpha Reductase Hemmer in Betracht.

Als nächstes stellte Prof. Tanew eine erst in diesem Jahr neu beschriebene Art des vernarbenden Haarausfalls vor. Die sogenannte Fibrosing alopecia in a pattern distribution sei eine Mischung aus einer androgenetischen Alopezie und einem Lichen planopilaris (siehe oben). Eine Therapie müsse folgendermaßen beide Erkrankungen mit berücksichtigen.

Der chronisch cutane Lupus erythematodes betreffe vor allem Frauen im Alter von 20 - 40 Jahren, fuhr Prof. Tanew fort. Es käme zum Auftreten von runden Herden, die sich auch am am Körper und an der Munschleimhaut zeigen könnten. In 5-10% läge zusätzliche eine Systemerkrankung vor, der sogenannte systemische Lupus erythematodes (SLE). Auch könne die cutane Form des Lupus erythematodes in einen SLE übergehen. Zur Diagnosenstellung gäbe es einige spezifische Untersuchungen wie zum Beispiel die Immunfluoreszenz oder die Bestimmung bestimmter Antikörper (ANA) im Blut. Zur Behandlung, so Prof. Tanew, komme Kortison äußerlich oder in die narbigen Herde gespritzt zum Einsatz. Im Weiteren verwende man Calcineuroninhibitoren wie Pimecrolimus oder Tacrolimus, Hydroxychloroquin, MTX, Dapson, oder Thalidomid. Auch auf Sonnenschutz sei bei dieser Form des vernarbenden Haarausfalls zu achten.

Die Folliculitis decalvans wiederum betreffe vor allem Männer ab dem 20. Lebensjahr. Die langsam und chronisch fortschreitende Erkrankung beginne oft am hinteren Oberkopf, mit Eiterpickeln in den Randbereichen. Die Auslöser seien unbekannt, oft ergäbe sich ein Nachweis des Bakteriums Staphylokokkus aureus. Ob hier ein direkter ursächlicher Zusammenhang zwischen Erkrankung und Bakterium bestünde, sei hingegen unklar. Zur Therapie kämen Antibiotika äußerlich und innerlich, Kortison äußerlich, in die Herde gespritzt oder innerlich sowie Dapson, Isotretinion, Finasterid, photodynamische Therapie oder TNFa Inhibitoren zum Einsatz.

Prof. Tanew betonte, dass es zur Behandlung der unterschiedlichen Formen des vernarbenden Haarausfalls kein einheitliches Schema gäbe. Unterschiedliche spezialisierte Haarzentren hätten hier eigene, bewährte Vorgehensweisen. Er stellte für jede Erkrankung zudem aktuelle Studienergebnisse vor. Wichtig sei, sich in die Hände von erfahrenen Haarärztinnen und Haarärzten zu begeben.

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